Martin Schulz: Porträt über den Ausnahme-Paratriathleten des SC DHfK Leipzig

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Ein Paralympics-Sieg, drei WM-Titel, acht Mal EM-Gold. Dazu unzählige Weltcupsiege, zweite und dritte Plätze. Die Erfolge von Paratriathlet Martin Schulz lesen sich wie das Märchenbuch eines Spitzensportlers. Alles erreicht, könnte man sagen. Was will er noch erreichen, könnte man fragen. Eine Spurensuche.

Martin Schulz präsentiert seine wichtigsten Goldmedaillen (von links: drei WM-Titel, ein Paralympicssieg, sieben EM-Titel (im September 2019 ist ein achter hinzugekommen). Foto: SC DHfK Leipzig

Verlieren beim Zweifelderball? Nein, das mochte er noch nie, sagt Martin Schulz und lächelt. Was jedoch weniger an dem beliebten Ballspiel als an Martins unbändigem Ehrgeiz liegt. „Ich verliere grundsätzlich sehr ungern“, sagt der 29-Jährige und fügt schmunzelnd an: „Vielleicht bin ich auch deswegen kein Mannschaftssportler geworden. Ich gebe die Verantwortung einfach ungern ab.“

Mit dem Paratriathlon hat der gebürtige Oschatzer seine Traumsportart gefunden. „Ich war als kleiner Junge schon unheimlich gern und viel draußen und wollte mich ständig bewegen. Das lässt sich mit Schwimmen, Radfahren und Laufen einfach extrem gut verbinden“, erklärt er die Liebe für seinen Sport.

Einen Sport, in dem er lange Zeit Alleinunterhalter war. Zu dominant und gut waren seine Leistungen. Eine Serie von acht EM-Titeln in Folge (2012-19) ist nur ein Beispiel. „Ich glaube, ich war zu der Zeit einer der Athleten, der am härtesten gearbeitet hat“, versucht Martin sein zwischenzeitliches Titel-Abo zu erklären. „Schon als Kind wollte ich immer der Beste sein, mich mit den Besten messen.“

"Eine Prothese war nie ein Thema für mich"

Und das trotz oder vor allem wegen seines Handicaps. Martin wurde mit einer Dysmelie, einer Fehlbildung im linken Unterarm geboren. Beim Toben draußen sei das nie ein Problem gewesen. Und eine Prothese? Nie ein Thema. „Die wäre nur dreckig geworden. Eine Prothese wird die Hand nie so ersetzen können und wäre nur ein Fremdkörper für mich. Manche Dinge muss ich eben anders machen oder sie dauern etwas länger, aber grundsätzlich kann ich alles.“

Von klein auf trainierte Martin mit nicht-behinderten Sportlern zusammen – zunächst im Alter von sechs Jahren beim Schwimmen. „Meine Eltern waren der Meinung, das könne gut für meinen Rücken sein, und steckten mich in einen Schwimmverein.“ Dass aus dem kleinen Jungen bald ein erfolgreicher Leistungssportler werden würde, hatten sie nicht geahnt. In seiner Gruppe war Martin einer der Ersten, der sich das Seepferdchen erschwamm. Die ersten kleinen Wettkämpfe folgten.

Martin spürte, dass mehr möglich war. „Mit 12 Jahren wollte ich unbedingt aufs Sportgymnasium nach Leipzig, um bessere Trainingsbedingungen zu haben.“ Zwei Jahre später bestimmte der Schwimmsport komplett seinen Alltag. Doch obwohl er das Schwimmen leidenschaftlich ausübte und 2012 sogar an den Paralympics teilnahm, liebäugelte er doch immer mit dem Triathlon. „Das Schwimmen war mir zu monoton und fand leider nur drinnen statt.“ Frischluft-Liebhaber Martin wollte nach draußen, fing neben dem Schwimmen auch den Triathlon an, nahm an ersten Meisterschaften teil und wurde 2012 zum ersten Mal Europameister. „Als bekannt wurde, dass Triathlon 2016 erstmals ins paralympische Programm aufgenommen wird, war für mich klar, komplett zum Triathlon zu wechseln.“

Über sein Handicap machte sich Martin selten Gedanken. „Ich kannte es ja nicht anders“, sagt der Leistungssportler, der es liebt, sich mit Athleten ohne Handicap zu messen. Mitleid – das wollte er nicht. „Ich wollte nie, dass jemand sagt ‚Wahnsinn, der hat nur einen Arm und schwimmt‘, sondern ‚Wahnsinn, der ist ja schnell. Oh, und der hat ja nur einen Arm‘“, macht er seine Sichtweise deutlich. „Vielleicht bin ich auch deswegen zu dem geworden, der ich jetzt bin.“

Um die körperliche Dysbalance so gut wie möglich auszugleichen, trainiert der 29-Jährige nicht nur sieben Tage die Woche, sondern beschäftigt sich intensiv mit biomechanischen Vorgängen. „Bei mir ist die Rumpfstabilität viel wichtiger als bei gesunden Athleten, weil ich durch das fehlende Gewicht sehr einseitige Belastungen habe.“ So trainiert er höchst akribisch und hört bewusst in seinen Körper hinein. Oskar Tiex, bis vor Kurzem Landes-Stützpunkttrainer Triathlon, trainierte Martin knapp zwei Jahre lang: „Ich habe noch nie mit einem Athleten zusammengearbeitet, der so professionell und zielstrebig ist. Martin weiß, was er will, was wichtig ist und hat die Dinge, die wir besprochen haben, zu 100 Prozent umgesetzt.“ Um seinem Trainer einen besseren Einblick in seinen Körper zu geben, erklärte der SC DHfK-Athlet viel, wie er bestimmte Belastungen verträgt.

Intensives Training zum Ausgleichen der Dysbalance

Umgekehrt nutzt er selbst ein paar Kniffe beim Training. „Beim Schwimmen stelle ich mir zum Beispiel vor, ich hätte links auch einen gesunden Unterarm, um den gleichen Rhythmus zu haben. So führe ich mit meinem gehandicapten Arm die gleiche Bewegung aus.“ Am Fahrradlenker hat sich Martin eine Stütze bauen lassen und beschäftigt sich detailliert mit deren Weiterentwicklung. „Sie muss sicher und stabil sein und gut sitzen, um gesundheitlichen Problemen vorzubeugen. Gleichzeitig soll sie aber auch aerodynamisch und leicht sein“, beschreibt Martin die Herausforderung. Beim Lauftraining arbeitet der Paratriathlet häufig mit zusätzlichen Gewichten, um die Dysbalance auszugleichen. Die starke Belastung erfordert zudem viel Regeneration, zusätzliche Physiotherapie und ergänzendes Stabilisationstraining.

„Vielleicht bereite ich mich aufgrund meiner Situation noch akribischer auf Wettkämpfe vor“, sagt Martin. Dieser Ehrgeiz und das intensive Training zahlen sich aus. Mit dem Paralympics-Sieg 2016 in Rio erfüllte sich der Leipziger seinen größten Traum. „Mein großes Ziel war es immer, an den Paralympics teilzunehmen und Gold zu holen. Natürlich habe ich mich auch riesig über die EM- und WM-Titel gefreut, aber Paralympische Spiele sind doch nochmal etwas anderes.“ Zumal es ein historischer Sieg war beim ersten paralympischen Triathlon.

Doch wie geht es nach so einem Sieg, für viele Sportler der Höhepunkt ihrer Karriere, weiter? „Mir war von vornherein klar, dass ich noch weitermachen will“, sagt Martin. Seine einzige Sorge: sich nicht ausschließlich auf den Sport konzentrieren zu können. „Alle Förderungen wurden eingestellt. Ich dachte: Ich habe bis Rio so viel gewonnen – es muss doch eine Möglichkeit geben, sich 100 Prozent auf sein Training konzentrieren zu können, wie es olympische Sportler auch können.“

"Ich weiß, dass ich in Tokio noch einmal Gold gewinnen kann"

Nach langem Kampf konnte Martin dank finanzieller Unterstützung weitertrainieren. Sein großes Ziel nun: eine Medaille bei den Paralympics 2020 in Tokio. „Ich weiß, dass ich noch einmal Gold gewinnen kann. Aber es wird nicht leichter, da ich immer der Gejagte bin.“ Dennoch laste etwas weniger Druck auf ihm als noch 2016. „Damals hat man mich schon als zukünftigen Paralympics-Sieger verabschiedet. Alles andere wäre eine Enttäuschung geworden.“ Diesmal wäre er auch mit einem guten Rennen und Platz 2 zufrieden.

Und danach? Tokio wird voraussichtlich seine letzte paralympische Station sein. „Ich könnte mir vorstellen, mich nach der Kurzdistanz im Ironman auf der Langdistanz auszuprobieren.“ Nach so vielen Jahren Leistungssport brauche man neue Ziele. „Der Ironman Hawaii reizt jeden Triathleten.“

Seine Teilnahme dort wäre übrigens die erste eines gehandicapten Athleten. Ganz unrealistisch sei sie nicht, wie Martin findet. „Ich war in der ersten Triathlon-Bundesliga schon manchmal schneller als Athleten, die beim Ironman gestartet sind.“ Sollte es mit einer Qualifikation für den Ironman klappen, weiß Martin aber auch: „Dort würde ich keine Top 10-Platzierung erwarten. Da geht es mir wirklich darum, dabei zu sein.“ Doch Martins Ehrgeiz – der wird wie immer dabei sein, denn verlieren mag er ungern. Ob im Triathlon oder beim Zweifelderball.

Das Porträt über Martin gibt es auch im aktuellen Sportforum-Magazin